Der Zillertaler Steinbockmarsch - ein Erlebnisbericht

Eine extrem sportliche Wandertour für Bergverrückte

Gestern haben wir es gewagt – wir haben am 48. Zillertaler Steinbockmarsch teilgenommen. Nachdem wir am Anfang dieses Sommers die Alpenüberquerung zu Fuß vom Tegernsee bis Sterzing hinter uns gebracht hatten, fühlten wir uns gut vorbereitet auf den Zillertaler Steinbockmarsch. Wir - das sind Marion, Markus und ich (Dirk).

Auf dem Werbeplakat war zu lesen:

„Der Steinbockmarsch ist eine Tagestour inmitten der Zillertaler Alpen und hat sich als "Klassiker unter den Alpinmärschen" einen Namen gemacht. Es gilt eine 30 km lange Strecke mit einem Aufstieg von 1.871 m und einem Abstieg von 1.613 Höhenmetern zu bewältigen.“

Also, los geht's!

Der Start in Ginzling

Am Samstag Morgen um 4 Uhr quälen wir uns aus dem Bett. Wir fahren in das kleine Bergsteigerdorf Ginzling (1000 m) oberhalb von Mayrhofen. Am Anmeldepunkt herrscht bereits lange vor 5 Uhr ein großer Andrang. Die Wettervorhersage prophezeit beste Bedingungen. In Mayrhofen sind es bereits 19 Grad bei leichter Bewölkung. Dies scheint in diesem Jahr extrem viele Bergverrückte auf die mörderische Strecke zu bringen. Pünktlich um 5 Uhr lassen wir uns einscannen und starten gut gelaunt mit strammen Schritt voll banger Erwartung. Die Strecke beginnt harmlos und wir schaffen es sogar den ein oder anderen Teilnehmer zu überholen. Aber das wird so nicht bleiben.

Wir würden uns alle drei als sportliche und fitte Menschen bezeichnen. Doch es dauert nicht lange und wir werden eines besseren belehrt. Superfitte Menschen jeden Alters überholen uns. Sie eilen nicht nur schnellen Schrittes an uns den steilen Berg hoch - nein, sie joggen in einem Tempo an uns vorbei, das uns recht frustriert zurück lässt. So schnell jogge ich nicht mal auf ebenerdiger Strecke, daheim im Wald bei meinen morgendlichen Lauf. Was haben wir da noch vor uns?

Es wird langsam hell

Langsam beginnt es zu dämmern und nach ca. 2 Std. erreichen wir die erste Kontrollstelle und Verpflegungsstation an der Seilbahn zur Greizerhütte auf. Bis hierin ist alles gut. Nachdem der Durst gelöscht, die Schweisstropfen wieder getrocknet sind und das nasse Hemd uns anfangen lässt zu frieren, eilen wir weiter. Nun geht es ins Gelände über Stock und Stein, stetig steil bergauf und selbst hier werden wir von verrückten Joggern überholt, als würden wir daheim auf dem Sportplatz ein paar Runden drehen. Ich frage mich, was die genommen haben – davon will ich auch.

Jetzt kann ich auf der anderen Bergseite bereits die 10 m hohe Leiter erkennen, die wir am Berg hinaufklettern müssen. Vorher müssen wir einen kleinen Gebirgsbach auf einer klitschigen Holzdiele überqueren. Ich wage mich vorsichtig darübe. Mein Hintermann drängelt. Sein nervöser Atem bläst mir in den Nacken.

Auch auf diesen Felsstücken, wo ich mich schon mit den Händen hochziehe, werde ich überholt und mein Selbstwertgefühl beginnt in den Keller zu rutschen. Wo bin ich hier nur hingeraten?

Nach der Leiter kommt ein Stück Felswand mit schmalen Graten, an den ich mich entlang hangele - gesichert an Eisenseilen. aber nur ein kleiner Fehltritt und man endet hundert Meter weiter unten. Ich gebe es zu, hier komme ich mental an mein Grenzen. Ich bin kein Bergsteiger und Kletterer, ich wollte doch nur mal wandern.

Doch wie heißt es so schön, Du wächst mit Deinen Aufgaben, also geht es immer weiter. Steil bergauf. Gefühlt sind wir den Hang kerzengerade bergauf gestiegen. 3 Meter nach rechts , 3 Meter nach links und wieder 3 Meter nach rechts - in einer nicht unendlichen Serpentinenschleife.

Ab und zu wage ich den Blick nach oben und sehe über mir eine nicht enden wollende bunte Kette von Verrückten die sich den Berg hinaufquälen. Und ich gehöre dazu.

Die Zahl derer, die uns jetzt noch überholen wird deutlich geringer. Und erstaunlicherweise überhole ich jetzt sogar den ein oder anderen, der noch vor kurzer Zeit an mir vorbeigehastet ist. Zum Glück kann ich den Berg nicht komplett bis oben überschauen. So quäle ich mich von Punkt zu Punkt - immer in der Hoffnung die Berspitze zu erreichen. Doch bis auf 2900 m ist ein langer Weg...

Bei einer kurzen Rast unterwegs treffe ich auch Marion und Markus wieder, die mir vorausgeeilt sind. Von hier aus haben wir einen guten Blick auf den Berg und genauso wie die Menschenkette vor mir zieht sich eine solche hinter mir den Berg hinunter.

Jetzt sind wir auf der Höhe der ersten Schneefelder und der Blick hinab zu ersten Kontrollstelle zeigt mir welche für mich vorhin untervorstellbare Höhe ich erklommen habe.

Noch 600 Höhenmeter bis zum Gipfel

Jetzt heißt es noch die letzten 600 Höhenmeter zu überwinden. Sind die Jogger sicherlich schon weit über den Berg und vielleicht schon im Ziel, man munkelt, es gäbe Läufer die schaffen die Strecke in 2,5 Std., komme ich jetzt an vielen vorbei, wo ich mir nicht sicher bin, ob die die Bergspitze erreichen. Aber ein Zurück gibt es ja nicht. Um 10 Uhr also nach 5 Std. erreichen wir endlich den Gipfel, die Mörschnerscharte (2870m). Hier herrscht eine drangvolle Enge, ist so eine Bergspitze doch nicht unbedingt als Versammlungsstätte geeignet. Den Ausblick, den wir von hier oben über die Schneefelder, die umliegenden Berge und hinab auf die Berliner Hütte genießen dürfen entschädigt für den Aufstieg. Dies lässt sich auf keinem noch so guten Foto oder Film festhalten, das musst du definitiv in natura gesehen haben. Hier oben sitzend kann ich die Begeisterung der Bergsteiger nachempfinden, wenn ich mir auch mit Markus einig bin, das müssen wir nicht noch mal haben. Marion hingegen denkt schon über das zweite Mal nach.

Von nun an geht's bergab

Wenn ich den Berg hinab blicke, frage ich mich, was mich geritten hat, mich hier anzumelden. Das muss irgendwie im Vollrausch geschehen sein. Und welche Erwartung hatte ich an den Abstieg auf der anderen Seite? Dachte ich wohl das Schwierige wäre nach dem Gipfel überstanden und von hier aus gäbe es eine Rutschbahn?

So kann man irren. Jetzt geht es erst richtig los. Rückwärtslaufend am Seil gesichert steigen wir die ersten Meter hinab um dann nun bei herrlichem Sonnenschein von Fels zu Fels zu springen in Richtung Berliner Hütte. Nachdem das erste Stück überwunden ist – ich möchte hier definitiv nicht im strömenden Regen absteigen – genießen wir die herrlichen Aussichten, die um uns liegenden Gletscherfelder sind schon beeindruckend und nach kurzer Zeit erreichen wir einen kleinen Bergsee. Zwei Unerschrockene nehmen tatsächlich ein Bad! Nach 2 Stunden Abstieg erreichen wir endlich die Berliner Hütte und hier erwartet uns der legendäre Fleischkäse, mit dem wir uns ein letztes Mal bei der Alpenüberquerung gestärkt haben.

Gut gestärkt und mit Marscherleichterung, jetzt in kurzen Hosen und T-Shirt machen wir uns raschen Schrittes auf ins Tal. Die offizielle Zeitnehmung ist um 15 Uhr beendet. Und außer Wertung ins Ziel zu kommen, das wollen wir dann doch nicht. Uns ist noch immer schleiherhaft wie es wirklich jemand in rund 2,5, Std schaffen kann diesen Weg zu bewältigen.

Markus und mir tun mittlerweile alle Knochen weh. Nur Maron ist topfit und eilt uns schon voraus.

Auch werden wir jetzt wieder überholt - von denen die es ganz eilig haben. Und ich staune, denn jetzt laufen die an mir vorbei, die mich am liebsten zu Beginn des Aufstiegs zur Seite gestoßen hätten um voran zu kommen und die ich dann aber kurz vor der Mörschnerscharte überholt habe. Wobei ich schon dachte die müssen mit dem Heli geholt werden, rennen die doch plötzlich voller Elan an mir vorbei. Jeder hat so seine eigene Technik.

Um ca. 13:40 Uhr laufen wir in der Zielgeraden am Gasthof Breitlahner ein. Unter Applaus mit großem Lob an jeden der diese mörderische Strecke bewältigt hat, holen wir uns unseren letzten Kontrollstempel.

Unsere Zeit: ca.8 Std 40 Minuten, nach Abzug der Pausen ca. reine Laufzeit 7 Std und 10 Minuten, fühlen wir uns jetzt als die Größten und gönnen uns erst mal ein schönes Weißbier.

Fazit: Es gibt viele Dinge im Leben, die man gemacht haben muss. Manche Dinge muss man auch nur einmal machen.

...obwohl ... rückblickend und wieder erholt, könnte ich es ein zweites Mal wagen.

Na, wie wär's?

Hast Du Lust bekommen das mit uns gemeinsam zu machen? Wenn ja merk' Dir dem 19. August 2017 vor. Da findet der 49. Zillertaler Steinbockmarsch statt. In der Woche davor machen wir eine Wanderwoche im Zillertal zu Trainingszwecken, nähere Info folgt demnächst.